England – Frankreich - Italien
I. Die technologische Basis: Das „Powerhouse“ in Fürth (ab 1880)
Bevor die internationalen Kooperationen florierten, schuf die Fabrik in der Fürther Sommerstraße die infrastrukturellen Voraussetzungen.
1.Chromolithografie & Präzision:
Löwensohn spezialisierte sich auf den Steindruck, der bis zu 20 Farbschichten ermöglichte. Dies verlieh den Büchern eine Farbtiefe und Brillanz, die damals unerreicht war.
2.Mechanische Innovationen:
Die Fabrik entwickelte Spezialmaschinen für komplexe Stanzungen (Die-Cut) und Klebearbeiten. Dies war die Geburtsstunde der „Movable Books“ (bewegliche Bilderbücher) mit Ziehlaschen, Klappmechanismen und Pop-up-Szenen.
3.Wirtschaftlicher Vorsprung:
Durch ein massives Lohngefälle (bayerische Fachkräfte verdienten teils nur ein Viertel ihrer US-Kollegen) konnte Löwensohn Luxusartikel für den Weltmarkt zu Preisen produzieren, die das Kinderbuch zum Massenmedium machten.
II. Die Ära der internationalen Allianzen (ca. 1880 – 1914)
1. England: Die Symbiose mit Raphael Tuck & Sons sowie anderen bekannten Verlagen
Die Kooperation mit dem Londoner „König der Postkarten“ war das Herzstück des Exports.
1.Arbeitsteilung:
London lieferte den „künstlerischen Geist“ (Entwürfe), Fürth die technische Umsetzung.
Originalausgaben von Father Tuck | Deutsche Ausgaben bzw. Nachweis Löwensohn | Niederländische Ausgaben | sonstige Ausgaben |
o.Nr. - Father Tuck's Expres | 1568 - Der D-Zug kommt! | o.Nr. - De Spoortrein Alkmaar P.Kluitman | o.Nr. - Dalle Alpi al Faro |
Oranges and lemons (1898) | Lekar och Lekkamrater (1898) | Lekar och Lekkamrater (1898) | |
Hurrah for christmas (655 - Der Weihnachtsmann) | De Sneeuwman (655 - Der Weihnachtsmann) | ||
714 - A Basket of Mischief | 714 - Runollinen Kuvakirja Pienille Paitaressuille | 714 - Runollinen Kuvakirja Pienille Paitaressuille | |
2020 - Nursery Rhyme ABC (Agnes Richardson) | 1424 - Mein schönstes ABC | ||
3067 - Return to Laughing Land | o.Nr. - Das lustige Kasperltheater | o.Nr. - Met een Retourtje naar Lachland | |
o.Nr. - Arbeit macht das Leben süß | o.Nr. - Nyttiga Ting Och Huru De Göras (1897) | o.Nr. - Sto sve Ljudi Rade | |
Pair of Pickles | 2104 - Die zwei kennt ja doch ein jeder Struwwellotte - Struwwelper | o.Nr. - Twee ondeugende Kinderen |
2.Die Ästhetik von z.B. E.A. Cook u. E.J. Harding:
Diese Künstlerinen prägten das viktorianische Kindheitsideal (Pausbacken, leuchtende Augen). Ihre Werke, wie „A Basket of Mischief“ (Löwensohn-Archivnr. 714), wurden in Fürth lithografiert.
3.Die „Shape Books“:
Löwensohn fertigte für Tuck Bücher an, deren Form exakt den Umrissen der Illustration folgte
4.Globale Adaption (Beispiel):
Das Buch „Hurrah for Christmas“ (ca. 1892) mit Cook-Illustrationen wurde von Löwensohn zentral gedruckt. Für den niederländischen aber auch anderen Märkten wurde lediglich die Textplatte ausgetauscht: So entstand unter der Federführung von Suze Andriessen das Werk „De Sneeuwman“. Die Bilder blieben identisch – sie kamen buchstäblich aus derselben bayerischen Presse.
Neben Raphael Tuck & Sons unterhielt die Bilderbücherfabrik G. Löwensohn aus Fürth Geschäftsbeziehungen zu weiteren bedeutenden Verlagen im englischsprachigen Raum. Da Fürth im späten 19. Jahrhundert das globale Zentrum der Chromolithografie war, ließen viele Londoner Verlage ihre technisch anspruchsvollsten Werke dort produzieren.
Zu den wichtigsten weiteren Partnern gehörten:
A. Dean & Son (London):
Dieser Verlag gilt als Pionier der beweglichen Bilderbücher („Movable Books“). Löwensohn produzierte für Dean & Son zahlreiche Ausgaben der „Scenic Series“ und „Pop-up“-Bücher. Ein bekanntes Beispiel ist die englische Ausgabe von „Visit to the Farm“ (ca. 1890), die baugleich mit der deutschen Version in Fürth gedruckt wurde.
B. Ernest Nister / E. P. Dutton (London/New York):
Obwohl Ernest Nister selbst eine große Kunstanstalt in Nürnberg betrieb, gab es personelle und geschäftliche Überschneidungen im „Nürnberger/Fürther Bildermarkt“. Löwensohn fertigte Teile für internationale Koproduktionen an, die Nister über sein Londoner Büro und den US-Partner E. P. Dutton vertrieb.
C. Frederick Warne & Co. (London):
Der 1865 gegründete Verlag erlangte Weltruhm als Heimat von Beatrix Potters „Peter Hase“ und prägte durch die Zusammenarbeit mit bedeutenden Illustratoren das goldene Zeitalter der Kinderliteratur. Einer der wenigen Verlage wo G.Löwensohn direkt genannt wird (siehe Bild)
2. Frankreich: Die „Institution“ A. Capendu & die Librairie Enfantine
1. Verlagshistorie und Profil:
Die Librairie A. Capendu (Sitz: Rue des Haudriettes 3, Paris) zählt zu den bedeutendsten Akteuren der französischen Kinderliteratur des Fin de Siècle. Gegründet von Alexandre Capendu (verst. 1946), trat das Haus um 1880 die Nachfolge des Verlags Guérin-Muller an. Capendu profilierte sich als Spezialist für die „Librairie enfantine illustrée“ und erlangte internationale Berühmtheit durch seine innovativen beweglichen Bilderbücher (Livres animés). Diese zeichneten sich durch aufwendige Papiertechnik, Chromolithografien und interaktive Elemente aus. Neben der Produktion eigener Werke fungierte Alexandre Capendu als einflussreiches Bindeglied im europäischen Druckwesen; er war Gründungsmitglied des französischen Verbandes der Druckgrafiker (1929) und hielt zeitweise das Monopol für den Vertrieb der renommierten Imagerie Pellerin (Épinal) im Département Seine.
2. Autoren und Kooperationen:
Der Verlag operierte in einem dichten Netzwerk internationaler Partnerschaften, was zu einer komplexen Editionsgeschichte zwischen Originalwerk, Adaption und Lokalisierung führte. Hausautoren waren Pierre Delcourt mit über 200 Titeln der produktivste Verfasser des Hauses und Armand Bourgade.
3. Internationale Partner (außer Löwensohn):
Deutschland: J.F. Schreiber (Esslingen), England: Dean & Son, Frederick Warne, Raphael Tuck & Sons. u.a.
4. Das Netzwerk:
Neben Capendu nutzten auch Riesen wie Hachette und Spezialverlage wie E. Guérin die Fürther Fabrik, um Produktionskosten zu senken und die mechanische Expertise (Stanz- und Klebetechnik) zu nutzen.
Exemplare von Capendu | Exemplare von Vallardi | Nachweis Druck Löwensohn Fürth bzw. deutsche Ausgabe | |
Scenes feeriques - A.Capendu Paris | Quadri Magici - A. vallardi | Fairy Tales for children -Thurnauer 1883 | Fairy Tales for children -Thurnauer 1883 |
L'Arlequin de Totor (A.Capendu) | Giorni Sereni | Jugend-Scherze (1887) | |
Petit Francais (A.Capendu) | All Ombra | Frisch, frank,frei bin auch dabei (1890) | |
ABCD - Librairie Enfantine Illustree (A.Capendu) | Fedeli Compagni | Was willst du werden (1890) | |
Six Scenes Drolatiques (A.Capendu) | La Gasparineide | Le Baron Montauciel (A. Capendu) | Le Baron Montauciel (A. Capendu) |
Historiettes amusantes (A.Capendu) | Nel Mondo dell' Allegria | Le Chaperon Rouge (Karl Zinn - Illustrationen) Capendu | Le Chaperon Rouge (Karl Zinn - Illustrationen) Capendu |
3. Italien: Expansion über Antonio Vallardi & Co.
In Mailand und Turin fand die Fürther Technik ebenfalls reißenden Absatz.
Antonio Vallardi Editore, Mailand (seit 1750/1843)
1. Verlagshistorie und Profil:
Die Casa Editrice Antonio Vallardi ist eine der traditionsreichsten Institutionen der italienischen Verlagslandschaft. Während die offiziellen Wurzeln der Mailänder Verlegerfamilie bis in das Jahr 1750 zurückreichen, wurde das Haus in seiner modernen Form 1843 von Antonio Vallardi konsolidiert. Der Verlag etablierte sich schnell als technologischer Vorreiter und „kultureller Brückenkopf“, insbesondere durch die Einführung moderner Druckverfahren und die Spezialisierung auf wissenschaftlich-didaktische Werke. Vallardi besetzte ähnlich wie Löwensohn eine marktbe-herrschende Stellung in den Bereichen Kartografie und Tourismus sowie Anatomie.
2. Die transalpina-Synergie:
Vallardi & G. Löwensohn (Fürth): Ein zentraler Pfeiler des wirtschaftlichen Erfolgs im späten 19. Jahrhundert war die strategische Kooperation mit dem Fürther Verlag G. Löwensohn. Diese Verbindung funktionierte nach dem Prinzip des Technologietransfers:
A. Chromolithografische Importe:
Vallardi importierte ab den 1870er Jahren massiv deutsche Druckplatten. Die visuelle „Hardware“ (Illustrationen) stammte aus der Fürther „Bilderbücherfabrik“, während Vallardi die „Software“ (italienische Adaption und pädagogische Aufbereitung) beisteuerte.
B. Mechanische Innovationen:
Die Produktion von Movable Books (bewegliche Bilderbücher) in Italien basierte maßgeblich auf bayerischem Know-how. Löwensohn lieferte die komplexen Stanzformen und Papier-Mechanismen, die Vallardi unter eigenem Namen für den mediterranen Markt lokalisierte.
C. Wissenschaftliche Lizenzierung:
Anatomische Klapptafeln, die bei Löwensohn entwickelt worden waren, wurden von Vallardi lizenziert. Dies ermöglichte ein Sortiment auf Weltniveau ohne die Vorhaltung eigener teurer Lithografen-Ateliers.
3. Ausgewählte Bibliografie und Erzeugnisse
Kinderliteratur und Interaktive Werke
Libri Animati (Movable Books): Kulissenbilderbücher und Ziehmechanismen in Kooperation mit deutschen Partnern (Löwensohn, Schreiber).
Letteratura Infantile: Reich illustrierte Märchen- und Abenteuerbücher, die Vallardis Vormachtstellung im Schulbuchsektor ergänzten.
4. Moderne Entwicklung
Nach über 120 Jahren als Familienunternehmen erfolgte 1970 der Verkauf an Garzanti. Heute firmiert der Verlag als Teil der Gruppo Editoriale Mauri Spagnol (GeMS). Während die Produktion historischer Globen und Wandtafeln heute ein begehrtes Sammelgebiet darstellt, konzentriert sich das aktuelle Programm auf Ratgeber, Philologie und populäre Sachliteratur
5. Weitere Partner „Libri Animati“:
Verlage wie Rosenberg & Sellier (Turin) wurden zu zentralen Abnehmern der mechanischen Bücher. Die komplexen „tiranti e leveraggi“ (Zugmechanismen) wurden in Fürth gefertigt und nach Italien geliefert. Auch Bemporad (Florenz) und Paravia (Turin) bezogen Chromolithografien und naturwissenschaftliche Bildtafeln aus Franken.
III. Charakteristika der Produktion und Marktkennzeichnung
1. Verschleierung vs. Qualitätssiegel:
In den USA war durch den McKinley Tariff Act der Aufdruck „Printed in Bavaria“ Pflicht und galt dort als Zertifikat für höchste Qualität. In Europa wurde die Herkunft oft diskret behandelt. Man findet häufig nur kleine Kürzel wie „G.L.F.“ (G. Löwensohn Fürth) oder „Imp. G. Löwensohn“ im Falz oder auf der letzten Seite, um den nationalen Charakter der Verlage (z. B. in Paris oder London) nicht zu stören.
2. Literarische Industrialisierung:
Löwensohn agierte als Logistik-Hub. Die Lithosteine für hunderte Titel lagerten in Fürth und konnten jederzeit für Neuauflagen in bis zu 20 Sprachen genutzt werden.
IV. Zäsur und Niedergang (1914 – ca. 1925)
Der Erste Weltkrieg (1914–1918): Der Krieg zerstörte die internationalen Handelswege. Die Allianz mit englischen und französischen Verlagen kam fast völlig zum Erliegen.
1. Verlust von Originalen:
Ein tragischer Meilenstein war die spätere Zerstörung des Tuck-Hauptquartiers im London Blitz (1940), bei der 40.000 Originalentwürfe (darunter fast alle von E.A. Cook) verbrannten. Das heutige Wissen stützt sich primär auf die in Fürth erhaltenen Belegexemplare.
2. Nachkriegszeit:
Zwar gab es bis ca. 1925 noch vereinzelte Kooperationen (z. B. ABC-Bücher für Vallardi), doch die Weltwirtschaftskrise und veränderte Druckverfahren beendeten die Ära der luxuriösen Chromolithografie-Kooperationen endgültig.

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