BIAS Verlag G.M.B.H. Nürnberg
Die deutschen Wurzeln und der Exportfokus
Die Geschichte beginnt in Franken als spezialisierter Exportverlag für Kinderliteratur.
- 19. April 1921: In Nürnberg wird die „BIAS“ Verlag GmbH gegründet.
- Zweck: Vertrieb von Bilderbüchern in allen Sprachen für das Ausland.
- Gründungsfiguren: Die Fabrikbesitzer Gustav Löwensohn, Ernst Rosenfelder und Robert Löwensohn (alle aus Fürth).
- Stammkapital: 150.000 Mark.
- 18. März 1925: Umstellung auf Goldmark infolge der Inflation. Das Kapital beträgt nun 18.000 Reichsmark.
05. Juli 1928: Strategische Sitzverlegung von Nürnberg nach Fürth in die Birkenstraße 12. Robert Löwensohn bleibt die treibende Kraft hinter den internationalen Ambitionen.
Expansion nach Paris und administrative Hürden
Auf Anraten des Druckers Louis Vilette (aus Montreuil) wagt Robert Löwensohn den Schritt nach Frankreich.
15. Februar 1933: Gründung der Pariser Zweigniederlassung als Aktiengesellschaft (Société Anonyme) in der Cité Phalsbourg 6.
- Startkapital: 100.000 Francs (gezeichnet in 100-Franc-Aktien), mit der Option auf Erhöhung auf 1 Million.
- Leitung: Robert Löwensohn (wohnhaft in Fürth) und Pierre Delpeuch (wohnhaft in Paris).
Interne Probleme: Laut den Memoiren von Gerard Langlois (Gerhard Löwensohn Sohn von Robert Löwensohn) war Pierre Delpeuch ein „Jesuit und Homosexueller“, der zwar ein exzellenter Verkäufer, aber ein „schlechter Verwalter“ war. Dies führte dazu, dass BIAS bis 1940 wirtschaftlich am Abgrund stand.
Tarnung und Tragödie unter der Besatzung
Die deutsche Besatzung zwang den jüdischen Verleger Robert Löwensohn zu extremen Vorsichtsmaßnahmen.
- 09. Juli 1941 – Um das Unternehmen zu retten, wurde es in „Société nouvelle des éditions Bias“ (Neuer Verlag für Bias) umbenannt. Louis Vilette übernahm als Mehrheitsgesellschafter die offizielle Führung, um den Verlag als „französisches“ Unternehmen zu tarnen.
- 1942: Trotz dieser Maßnahmen wurde Robert Löwensohn verhaftet und nach Auschwitz deportiert.
- 08. März 1943 - Jean Lauvaux, Bruder von Georges Lauvaux, wird zusammen mit Louis Vilette, dem Geschäftsführer und Mitbegründer der Société Nouvelle des Editions Bias, als Partner aufgenommen.
Während des Krieges kämpfte BIAS ums Überleben, indem vorhandene Bestände aufgebraucht wurden. Da Bilderbücher kostengünstige Umstrukturierungen erlaubten (neue Zusammenstellungen alter Illustrationen), konnte der Betrieb minimal aufrechterhalten werden.
Die Ära Vilette & Lauvaux: Aufstieg zum Massenmarkt
- Nach 1945 blieb die Firma in den Händen von Louis Vilette. Die Familie Löwensohn erhielt eine monetäre Entschädigung für ihre Anteile.
- Am 30. Juli 1945 wurde beschlossen, den Sitz von der Rue Rebeval 34 (Paris 19) zum Place Denfert-Rochereau 30 (Paris 14) zu verlegen. Die Eintragung beim Handelsgericht erfolgte am 24. August 1945.
- In der Zeit von 1948 - 50 arbeitete Gerad Langlois (Gerhard Löwensohn) im BIAS Verlag
Kapitalspritze und Familieneinstieg
- (1949): In der außerordentlichen Hauptversammlung vom 10. November 1949 (damaliger Sitz: Boulevard Diderot, Paris 12) wurde das Kapital von 3 Mio. auf 7 Mio. Francs massiv erhöht.
Gesellschafter-Tableau 1949:
- Louis Vilette (3.500 Aktien), Madame Deviller (1.750), John Welford (1.750) sowie die Neffen Georges Lauvaux (350) und Jean Lauvaux (30).
Markterfolg:
- Diese Kapitalerhöhung ermöglichte den Ausbau des Vertriebsnetzes und die Erschließung von Schulen. BIAS passte sich den strengen moralischen Vorgaben des Jugendliteraturgesetzes von 1949 an und wurde bekannt für preiswerte, aber ästhetisch ansprechende Reihen wie:
- Papillons: Die ikonischen quadratischen Alben (z. B. Le Petit Âne).
- Ma première bibliothèque: Einstieg für Erstleser.
- Grands Classiques: Klassische Märchen wie Pinocchio oder Schneewittchen.
Generationenwechsel und Branchenpolitik
- 1971: Die Brüder Jean und Georges Lauvaux übernahmen offiziell die alleinige Geschäftsführung.
- Jean Lauvaux als Schlüsselfigur: Er wurde zu einem der einflussreichsten Akteure der französischen Kinderbuchbranche:
- Generalsekretär des Bilderbuchhändlerverbands (Chambre syndicale des imagiers).
- Vorstandsmitglied im Forschungszentrum für Kinderliteratur (CRLJ).
Marktdruck und Ende der Unabhängigkeit
Trotz der hohen Bekanntheit konnte sich BIAS als mittelgroßer Verlag gegen die zunehmende Konzentration im Verlagswesen nicht behaupten.
- 1980: Ein Übernahmeversuch durch Éditions Touret scheiterte noch.
- 1989: Verkauf des Unternehmens an die Groupe Milan.
- 1992: Die eigenständige Publikationstätigkeit unter dem Markennamen BIAS wurde endgültig eingestellt.
Vermächtnis: Heute wird das kulturelle Erbe im Institut IMEC bewahrt, wo die Archivunterlagen der Éditions Bias und der persönliche Nachlass von Jean Lauvaux lagern.





