Die Chronik der Pestalozzi Verlags-Anstalt (PVA/PEVA) 1920–1938
Die Pestalozzi Verlags-Anstalt wurde als ambitionierter Tochterverlag der Fürther Bilderbücherfabrik G. Löwensohn gegründet. Ihre Geschichte ist geprägt von einer strengen pädagogischen Ausrichtung auf Grundlage der Ziele von Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) pädagogisch geeignete Bücher für die jeweiligen Altersgruppen hinsichtlich Inhalt und Ausstattung anzubieten sowie hochkarätigen Lizenzübernahmen sowie einer innovativen Kooperation mit Herbert Stuffer und einer tragischen Zäsur durch die politische Entwicklung der 1930er Jahre.
I. Die Ära in Wiesbaden: Gründung und Aufbau (1920–1925)
1.Gründungsakt und Standorte:
Am 11. Dezember 1920 wurde die Pestalozzi Verlags-Anstalt GmbH in Wiesbaden mit Sitz in der Bierstadter Höhe gegrün-det. Das Stamm-kapital betrug 20.000,- Mark, gezeichnet von vier Gesellschaftern mit einer Einlage von jeweils 5.000,- Mark:
2.Die literarische Basis: Die „Forellen-Bücher“ (ab 1921)
Schon 1921, unmittelbar nach der Gründung, startete die PVA mit ihrem literarischen Aushängeschild: den Forellen-Büchern. Diese waren im Februar 1920 vom Phoebus Verlag (G.W. Dietrich, München, Kaufinger Str. 28) angekündigt worden. Bevor Dietrich seinen Verlag 1924 mit seiner Buchhandlung verschmolz, sicherte sich die PVA die Rechte. Insgesamt er-schienen 22 Bände im bibliophilen Oktav-Format, illustriert von Meistern wie Oskar Herrfurth, Otto Kubel, Georg Mühlberg, G. Hinke und Otto Peter.
3.Wissenschaft und Lehrmittel: Eine klare Kompetenzverteilung
Parallel zur Literatur etablierte der Verlag ein anspruchsvolles populärwissenschaftliches Programm, das durch strikte Autorenschaften definiert war:
- Reihe „Das Naturreich“ 1921 - 1924: Diese Sammlung für Haus und Schule stand unter der Leitung von Bastian Schmid als verantwortlichem Herausgeber und Teilautor.
- Interaktive Klappmodelle (1921–1925): Die berühmten zerlegbaren Modelle wurden von spezialisierten Fachkräften entwickelt:
II. Die Berliner Expansion und die strategischen Allianzen (1926–1932)
Nach dem Umzug nach Berlin-Grunewald (Alte Allee 18) im Jahr 1926 entwickelte sich die PVA unter Ludwig Wolff zu einem Zentrum für innovative Buchformen. Um die Marktposition gegen die einsetzende Weltwirtschaftskrise abzusichern, ging die Geschäftsleitung zwei wegweisende, aber unterschiedliche Kooperationen ein: Eine gesellschaftsrechtliche Fusion mit Ernst Nister und eine operative Vertriebsallianz mit Herbert Stuffer.
1. Die Nister-Allianz (ab 1927): Kapitalverflechtung und Produktionssynergien
Die Zusammenarbeit mit dem ehemals weltweit agierenden Kunstverlag Ernst Nister (Nürnberg) war ein Versuch, zwei der bedeutendsten Namen der deutschen Bilderbuchproduktion zu bündeln.
- Der Einstieg (18. Februar 1927): Karl Nister trat offiziell in die Gesellschaft ein. Dies war kein einfacher Zukauf, sondern eine Umschichtung der Anteile, um den rückläufigen Geschäften des Hauses Nister entgegenzuwirken.
- Die Kapitalstruktur: Die vier Gründungsgesellschafter (Gustav und Robert Löwensohn, Ernst Rosenfelder und Ludwig Wolff) gaben jeweils 2.000 RM ihrer Anteile ab. Dadurch wurde Karl Nister mit 8.000 RM zum Hauptgesellschafter, während die ursprünglichen Gründer auf Junior-Anteile von je 3.000 RM schrumpften.
- Der Lieferungsvertrag: Kern der Allianz war ein strategischer Lieferungsvertrag. Ziel war es, die hochwertigen Kunstdruck-Kapazitäten von Nister mit der pädagogischen Ausrichtung und dem Vertrieb der PVA zu verknüpfen. Es entstand ein Konglomerat, das die „PEVA-Bilderbücher“ (Leporellos und Formbücher) massiv vorantrieb.
- Das Ende der Ära Nister: Die Allianz hielt bis zum 6. April 1933. Im Zuge der politischen Umwälzungen schied Karl Nister aus, und seine 8.000 RM wurden hälftig auf Robert Löwensohn und Ernst Rosenfelder übertragen.
Das Buch des Kindes - Verlagsverzeichnis des PVA von 1931
2. Die Stuffer-Kooperation (1931–1933): Die Rettung des Vertriebs
Während die Nister-Verbindung die Produktion sicherte, sollte die Zusammenarbeit mit dem Berliner Verleger Herbert Stuffer ab 1931 den Absatz in der Krise modernisieren. Stuffer galt als dynamischer Kopf der Branche, dessen Verlag für hohe künstlerische Qualität stand.
- Vertragsbeginn (1. September 1931): Stuffer übernahm den alleinigen Vertrieb und die Auslieferung für das gesamte PEVA-Programm. Er nutzte dafür seine eigene Verlagsinfrastruktur in Berlin-Charlottenburg, trat aber nach außen unter dem Namen der PEVA auf.
- Finanzielles Risiko und Marge: Stuffer agierte fast wie ein Zwischenhändler mit Eigenrisiko. Er erhielt die Bücher zu einem extrem günstigen Übernahmepreis von 25 % des Ladenpreises. Im Gegenzug verpflichtete er sich zu massiven Barzahlungen und Akzepten: Allein im Herbst 1931 zahlte er 8.000 RM an die PVA/Löwensohn, um sich das Eigentum an den Beständen zu sichern.
- Das Sortiment in Stuffers Hand: Laut der detaillierten Bestandsliste (Beilage I) verwaltete Stuffer ein riesiges Lager von über 26.000 Einheiten (ca. 11.800 gebundene Bücher und 14.200 Rohbogen). Darunter befanden sich Verkaufsschlager wie Prinzessin auf der Erbse (1.319 Expl.) oder Petz der Bettler (944 Expl.).
- Produktionsteilung: Ein faszinierendes Detail der Kooperation war die Arbeitsteilung: Während Stuffer in Berlin den Markt bearbeitete, blieb die Firma G. Löwensohn in Fürth die „verlängerte Werkbank“. Löwensohn verpflichtete sich vertraglich, selbst Kleinstmengen von 300 Stück der bei Stuffer liegenden Rohbogen ohne Aufpreis zu binden.
- Die Abwicklung (Juli 1933): Der „Nachtrag zum Hauptvertrag“ vom 24. Juli 1933 zeigt das tragische Ende: Stuffer gab sein Einverständnis, dass Löwensohn die Bestände bei Bedarf „en block verramschen“ durfte. Damit wurde der Grundstein für die Liquidierung des jüdischen Eigentums gelegt, wobei Stuffer versuchte, durch eine 20%-Preisuntergrenze zumindest einen Teil des Wertes für beide Seiten zu retten.
Zusammenfassung: Die Allianz mit Nister war eine strukturelle Festigung auf Gesellschafterebene, während die Kooperation mit Stuffer eine operative Überlebensstrategie darstellte. Beide Partnerschaften zeigen, wie intensiv die PVA/Löwensohn versuchte, sich durch Vernetzung mit „arischen“ oder etablierten Partnern gegen den wirtschaftlichen und später politischen Verfall zu stemmen.
III. Politische Zäsur und „Arisierung“ (1933–1939)
1.Rückzug der Gesellschafter:
Am 06. April 1933 schieden Karl Nister und Ludwig Wolff aus. Nisters Anteile wurden hälftig auf Robert Löwensohn und Ernst Rosenfelder übertragen. Wolfs Anteile gingen allein an Robert Löwensohn.
2.Umfirmierung und Stationen:
Am 15. August 1933 wurde die Firma in Pestalozzi-Verlag, Graphische Gesellschaft m.b.H. umbenannt. Neuer Geschäftsführer wurde Emil Franke.
1933: Sitz in Nürnberg (Hastverstr. 22).
29. März 1935: Sitzverlegung nach Fürth (Birkenstr. 12).
29. Juli 1939: Umzug in die Sommerstr. 16 (Fürth).
3.Die Zwangsabtretung (1937):
Aufgrund des politischen Drucks waren die jüdischen Gesellschafter am 02. Dezember 1937 gezwungen, ihre Anteile an die KAMAG Dresden (Kunstanstalt May AG) abzutreten:
Gustav Löwensohn: 3.000 RM, Ernst Rosenfelder: 7.000 RM, Robert Löwensohn: 10.000 RM, Damit endete die Ära der Gründerfamilien in der Pestalozzi Verlags-Anstalt endgültig.





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