Marie Ille - Beeg
Die Lebensgeschichte der am 14. September 1855 in Fürth geborenen Marie Beeg ist ein Paradebeispiel für die Professionalisierung weiblicher Kreativität im 19. Jahrhundert. Ihr Talent, das sie von ihrem Vater Dr. Johann Caspar Beeg – einem Techniker und Illustrator für Braun und Schneider – geerbt hatte, wurde nach dessen frühem Tod 1867 zur Existenzgrundlage der „unversorgten“ Familie. Nach einem achtsemestrigen Studium an der Nürnberger Kunstschule unter Direktor von Kreling (1869–1873) suchte Beeg den Ausbruch aus einem geistig uninspirierten „Luxusleben“ bei ihrer Tante „von Spiegel“. Ihre Rückkehr zur Kunst markierte den Beginn einer beispiellosen Karriere als Gebrauchsgrafikerin sowie als Kinderbuchillustratorin und Schriftstellerin. Sie belieferte Kunstanstalten in Breslau sowie das Frankfurter Haus B. Dondorf mit Entwürfen für Gratulations-, Menü- und Spielkarten. Obwohl sie diese Arbeiten künstlerisch gering schätzte, sicherten die Honorare (bis zu 300 Mark für ein Kartenspiel) das Familieneinkommen.
Ihr eigentlicher Aufstieg begann 1875 mit handgefertigten Bilderbüchern für die Prinzessinnen von Hohenlohe - Ingelfingen. Auf Empfehlung einer Freundin sicherte sich der Stuttgarter Verleger Wilhelm Nitzschke ihr Erstlingswerk „Die Kinderstube zur Dämmerstunde“. Durch eine massive Werbekampagne avancierte der Prachtband zum Bestseller. In der Folge etablierte sich Beeg als gefragte Mitarbeiterin namhafter Blätter wie „Über Land und Meer“, „Daheim“ und der „Allgemeinen Moden-Zeitung“ und Verlagen wie z.B. Richter u. Kappler Stuttgart, Twietmeyer Leipzig, C. Schimpf Nürnberg, Rail Huber u. Jordan Nürnberg, Süddeutsches Verlagsinstitut, A. Anton in Leipzig, Kunstverlag Molling und Co. in Hannover und anderen.
Ein zentrales Kapitel ihrer Bibliografie ist die Verbindung zum Fürther Verlagswesen, insbesondere zum Löwensohn Verlag. In einer Art „Massenherstellung“ fertigte sie für den Fürther Verleger Carl Schaller Ziehbilderbücher und Bändchen wie „Die Zwerghexe“ oder „Der Holzhacker“ an. Hierbei nutzte sie das technische Geschick ihres Bruders Hermann, der die mechanischen Komponenten der Bücher zusammenfügte. 1885 erschien hier auch
ihr „Struwwelpeter“ unter dem Pseudonym „Marienberg“. Nachdem der Verleger Hänselmann (Stuttgart), der 1887 Erfolgstitel wie Hänschen auf der Wanderschaft herausgebracht hatte, seinen Verlag verkaufte, gelangten die lithographischen Steine an Löwensohn. Da Marie auf ihre Rechte verzichtete, legte Löwensohn ihre Werke noch Jahrzehnte später (belegt bis ca. 1936) in grober Druckqualität und ohne Namensnennung neu auf – ein Umstand, den die Künstlerin später tief bedauerte. Dennoch blieb die Verbindung bestehen: 1894 veröffentlichte Löwensohn ihren Gedichtband „Blüten im Lenz“ mit Bildern von Emily Harding. Ob es weitere Veröffentlichungen im Löwensohn Verlag gab ist bisher nicht bekannt.
Trotz gesundheitlicher Labilität blieb sie nach ihrer Übersiedlung nach München und der Ehe mit dem 66-jährigen Künstler Eduard Ille (1889) rastlos tätig. Ihr Spätwerk umfasst Publikationen bei E. Nister (Die Bergkinder, 1912), dem katholischen Bachem Verlag (Auf der Sonnenalp, 1906) sowie einen musikpädagogischen Aufsatz für den Verlag Korn.
Marie Ille-Beeg verstarb am 28. November 1927 in München. Ihr Werk hinterlässt ein Zeugnis der Transformation vom handgezeichneten Original zum industriellen Massenprodukt der Lithographie, deren wirtschaftliche Mechanismen sie zeitlebens prägten.


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