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Meine Sammlung - Alte Kinder- und Jugendliteratur


Märchenheftreihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“

Einleitung

Die vorliegende Untersuchung widmet sich einer heute nahezu unbekannten Märchenheftreihe unter dem Titel „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“. Die Reihe erschien erstmals während des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Schulverlag Berlin und wurde Anfang der 1950er Jahre vom ALFO Kunstdruck-Verlag GmbH in Kaiserslautern übernommen, erweitert und neu aufgelegt. Ziel dieser Untersuchung ist die möglichst vollständige Rekonstruktion der Verlagsgeschichte, der beteiligten Personen sowie der bibliographischen Entwicklung dieser Märchenreihe.

Die Entstehung der Märchenheftreihe (1942–1945)

Der Deutsche Schulverlag Berlin
Die ersten bekannten Hefte der Reihe erschienen zwischen 1942 und 1945 im Deutschen Schulverlag Berlin.
Der Verlag firmierte als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (G. m. b. H.). Sein Hauptsitz befand sich in Berlin W 35, Graf-Spee-Straße 15 (heute Hiroshimastraße im Berliner Tiergartenviertel).
Der Deutsche Schulverlag entstand um das Jahr 1942 als sogenannter Gemeinschaftsverlag, der auf staatliche Veranlassung gegründet wurde. Im Zuge der kriegsbedingten Rationalisierung des deutschen Verlagswesens („Totaler Krieg“) wurden unter seinem Dach mindestens 26 traditionsreiche Schulbuchverlage zusammengeführt. Zu ihnen gehörten unter anderem Diesterweg, Klett, Schroedel, Teubner sowie Velhagen & Klasing.

Nachweisbare Primärquellen
Die verlegerische Tätigkeit des Deutschen Schulverlags lässt sich anhand überlieferter Originaldrucke in deutschen Staats- und Nationalbibliotheken zweifelsfrei nachweisen. Zu den wichtigsten Veröffentlichungen gehören das offizielle Reichsschulbuch „Deutsches Lesebuch für Volksschulen“, das in mehreren Bänden erschien und durch Erlass des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung genehmigt wurde. Die Ausgaben aus den Jahren 1943 und 1944 tragen im Impressum den eindeutigen Vermerk „Berlin, Deutscher Schulverlag“. Ebenfalls nachgewiesen ist die bildungspolitische Fachliteratur des Verlages, darunter Adolf Schmidt-Bodenstedt: „Lehre und Erziehung an den Lehrerbildungsanstalten“, erschienen 1944 im Deutschen Schulverlag Berlin. Bibliographisch erfasst ist außerdem Heft 1 „Dornröschen“ der Märchenreihe. Das 1942 erschienene Heft mit dem Bildschmuck von Max Teschemacher trägt das Impressum „Berlin: Deutscher Schulverlag“ und befindet sich heute im Originalbestand der Staatsbiblio-thek zu Berlin (Kinder- und Jugendbuchabteilung, Signatur 19 ZZ 1955-1). Darüber hinaus dokumentieren Eintragungen im historischen Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, insbesondere in den Notausgaben zu Beginn des Jahres 1945, die offizielle Postanschrift und den Geschäftsbetrieb des Verlages bis kurz vor Kriegsende.


Die Hefte der Erstauflage von 1942-1945 (Illustrator Max Teschemacher)

1 - Dornröschen (1942)

2 - Brüderchen und Schwesterchen (1943)

3 - Die drei Männlein im Walde (1943)

4 - Aschenputtel (1943)

5 - Die Gänsemagd (1943)

6 - Der goldene Vogel (1944)

7 - Die sieben Raben (1945)


Herausgeber der Berliner Ausgabe

Dr. Jakob Szliska

Herausgeber sämtlicher Berliner Hefte war Dr. Jakob Szliska. Er wurde am 8. Februar 1893 in Sulzbach/Saar geboren und starb am 18. März 1968 in St. Ingbert. Szliska studierte Pädagogik, Philosophie und Staatswissenschaften und promovierte 1923 in Bonn zum Dr. phil.
Seit den 1920er Jahren war er zunächst als Lehrer und später als Schuldirektor tätig. Darüber hinaus veröffentlichte er zahlreiche pädagogische Schriften, Schulbücher, Lesebücher sowie Bearbeitungen von Märchen und Fabeln. Seine Tätigkeit als Herausgeber erklärt die pädagogisch klar strukturierte Bearbeitung der Grimm-Texte.

Der Illustrator der Berliner Ausgabe

Max Teschemacher (siehe unten Auflistung der Illustratoren)

Die Druckereien der Berliner Ausgabe (siehe unten - Erläuterungen zu den Druckerein)

Die bislang ausgewerteten Originalhefte belegen, dass der Deutsche Schulverlag für die Herstellung der Märchenreihe mehrere Druckereien beauftragte.
Nachgewiesen sind:

  • Förster & Borries, Zwickau (Sachsen)
  • Gebrüder Stiepel KG, Reichenberg (Sudetenland)
  • Heliochroma, Rumburg (Sudetenland)
  • Ernst Steiniger Druck- und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
  • Oscar Brandstetter, Leipzig

Diese Druckvermerke zeigen, dass der Deutsche Schulverlag nicht über eine eigene Hausdruckerei verfügte, sondern die Produktion der Märchenhefte an mehrere leistungsfähige Druckereien vergab.


Die Fortführung der Märchenheftreihe nach 1945

Der ALFO Kunstdruck-Verlag GmbH

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Märchenheftreihe nicht eingestellt, sondern in überarbeiteter Form fortgeführt. Die Rechte beziehungsweise die Weiterführung der Reihe übernahm der ALFO Kunstdruck-Verlag GmbH mit Sitz in Kaiserslautern. Der Verlag hatte seinen Sitz in der Marktstraße 39 Kaiserslautern. Geschäftsführer war
Dr. Hans Joachim Herpel.
Mit der Übernahme der Reihe begann zugleich eine neue Entwicklungsphase. Während die Berliner Ausgabe lediglich sieben Hefte umfasste, wurde die Reihe beim ALFO Kunstdruck-Verlag erheblich erweitert und entwickelte sich zu einer der umfangreichsten Märchenheftreihen der Nachkriegszeit.

Die Verlagsgeschichte des ALFO Kunstdruck-Verlags
Für die wissenschaftliche und sammlerische Erforschung historischer Kinderbücher der Nachkriegszeit stellt der ALFO Kunstdruck-Verlag ein bedeutendes Bindeglied zwischen der Berliner Vorkriegs- und der Nachkriegsausgabe der Märchenheftreihe dar. Die verlegerische Tätigkeit des Unternehmens lässt sich anhand amtlicher Register, historischer Fachadressbücher sowie überlieferter Originaldrucke nachvollziehen. Der Verlag führte überwiegend die Firmierung ALFO Kunstdruck-Verlag G. m. b. H..

Historisches Profil
Der offizielle Hauptsitz des Unternehmens befand sich in der Innenstadt von Kaiserslautern in der Marktstraße 39.
Bereits der Firmenname „Kunstdruck-Verlag“ verweist auf die Spezialisierung des Unternehmens. Der Verlag verfügte über entsprechende Kapazitäten für hochwertige Mehrfarben- und Offsetdruckverfahren und veröffentlichte zahlreiche reich illustrierte Druckwerke. Neben den heute gesuchten naturkundlichen Bestimmungsbüchern – beispielsweise den Bänden über europäische Schmetterlinge mit montierten Farbtafeln – sowie illustrierten Fabelbüchern bildete ab etwa 1950 insbesondere die Fortführung der Reihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“ einen Schwerpunkt des Verlagsprogramms. Im Zuge dieser Erweiterung wurde die ursprünglich sieben Hefte umfassende Berliner Reihe schrittweise auf insgesamt 36 Hefte ausgebaut.

Die rechtliche Grundlage des Unternehmens bildete die Eintragung im Handelsregister des zuständigen Amtsgerichts Kaiserslautern.

Historische Verlags- und Registernachweise
Die Tätigkeit des ALFO Kunstdruck-Verlags lässt sich durch verschiedene amtliche und bibliographische Quellen belegen.
Behördliche und amtliche Registernachweise
Nachgewiesen ist die Eintragung der ALFO Kunstdruck-Verlag G. m. b. H. im Handelsregister des Amtsgerichts Kaiserslautern. Darüber hinaus ist der Verlag in der Deutschen Nationalbibliografie nachgewiesen, in der die Neuerscheinungen des Buchhandels dem ALFO Kunstdruck-Verlag in Kaiserslautern, Marktstraße 39, zugeordnet werden.
Bibliographische Verlagsnachweise
Zu den wichtigsten bibliographischen Nachweisen gehört die Nachkriegsausgabe der Reihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“. Die bislang ausgewerteten Originalhefte dokumentieren die Übernahme der Berliner Ausgaben sowie deren kontinuierliche Erweiterung bis Heft Nr. 36.

Die Hefte der Neuauflage 1950/51

Hefte 1 - 12

1.Brüderchen und Schwesterchen

2.Dornröschen

3.Aschenputtel

4.Der Eisenhans

5.Die Gänsemagd

6.Der goldene Vogel

7.Die sieben Raben

8.Die drei Männlein im Walde

9.Von einem der aus-zog das Fürchten zu lernen

10.Hänsel und Gretel

11.Das tapfere Schneiderlein

12.Frau Holle

Die Nachkriegsausgabe

Der ALFO Kunstdruck-Verlag übernahm zunächst die sieben bereits in Berlin erschienenen Märchenhefte.
Anschließend wurde die Reihe schrittweise erweitert. Bislang konnten insgesamt 36 Hefte nachgewiesen werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass die ursprüngliche Gestaltung nahezu vollständig beibehalten wurde.
Übernommen wurden

  • das Format,
  • der Umschlag,
  • die Illustrationen,
  • der Herausgeber,
  • der grundsätzliche Aufbau sowie
  • die Typographie.

Dadurch blieb der Charakter der ursprünglichen Berliner Märchenreihe nahezu unverändert erhalten.
Die Erweiterung erfolgte somit nicht als vollständige Neugestaltung, sondern als konsequente Fortführung der bereits während des Zweiten Weltkriegs begonnenen Heftreihe.

Die Illustratoren der Nachkriegsausgabe
Mit der Erweiterung der Reihe wurden neben Max Teschemacher weitere Illustratoren mit der Gestaltung einzelner Hefte beauftragt. Bislang konnten folgende Künstler eindeutig nachgewiesen werden:

  • Fritz Ludwig Schmidt
  • Willy Mulot
  • Lothar Högel

Die Zuordnung der bislang bekannten Nachkriegsausgaben ergibt folgendes Bild:
Illustrator                               Nachgewiesene Hefte
Max Teschemacher                1–10, 17, 19–22, 31, 33, 34 und 36
Fritz Ludwig Schmidt           11–16 und 18
Willy Mulot                           23–24 sowie 35
Lothar Högel                          25–30
Unbekannter Illustrator
(Monogramm „B. Gey“ bzw. ähnlich) - Heft 32

Die Illustrationen der Hefte 23 und 24 erscheinen auf den Titelblättern unter der Namensform „Willi Mulot“, während die Bildsignaturen „Willy Mulot“ lauten. Die Illustrationen der Hefte 25 bis 30 konnten anhand der Bildsignatur „L. Högel“ eindeutig Lothar Högel zugeordnet werden. Für **Heft 32 („Der Riese und der Schneider“) **ist der Illustrator bislang nicht eindeutig identifiziert. Die Illustrationen tragen ein Monogramm, das derzeit als „B. Gey“ beziehungsweise in ähnlicher Form gelesen werden kann.

Die Herstellung der Nachkriegsausgabe

Die Druckerei der ALFO-Ausgaben
Die bislang untersuchten Nachkriegsausgaben der Märchenheftreihe wurden überwiegend von der Druckerei Klinke & Co. in Mettlach hergestellt. Die enge Zusammenarbeit zwischen dem ALFO Kunstdruck-Verlag und Klinke & Co. prägte die technische Umsetzung der Nachkriegsausgabe maßgeblich.
Historische Verlags- und Registernachweise
Die Tätigkeit von Klinke & Co. lässt sich durch amtliche Register sowie zahlreiche zeitgenössische Druckerzeugnisse eindeutig nachweisen.
Behördliche und wirtschaftshistorische Nachweise
Die Firma Klinke & Co. GmbH ist im Handelsregister des Amtsgerichts Saarbrücken (HRB 4504) nachgewiesen. Die Eintragung dokumentiert unter anderem die Gesellschaftsstruktur sowie die Geschäftsführung des Unternehmens.
Darüber hinaus ist Klinke & Co. im Branchen-Adressbuch des Saarlandes von 1956 als Offsetdruckerei und Verlag mit Sitz in der Halbergstraße 19 in Saarbrücken verzeichnet.
Bibliographische Nachweise
Auch zahlreiche Druckwerke dokumentieren die Tätigkeit des Unternehmens.
Hierzu zählen unter anderem:
Das hässliche junge Entlein von Hans Christian Andersen (1949), Schmetterlinge – Europäische Nachtfalter, Kennt ihr das schöne Land an der Saar?, die Preisliste 1954 der Villeroy & Boch Steingutfabrik sowie das Snow White Postcard Album von Walt Disney S. A. aus dem Jahr 1950. Diese Veröffentlichungen belegen die breite Tätigkeit von Klinke & Co. als Druckerei und Verlag.

Der historisch belegte Hintergrund
Die Auswertung der vorliegenden Primärquellen ermöglicht eine Einordnung der Unternehmensgeschichte.
Der doppelte Standort Mettlach und Saarbrücken In den späten 1940er und 1950er Jahren befand sich die technische Produktionsstätte für Fotolithografie und Offsetdruck in Mettlach an der Saar. Mit der Expansion des Unternehmens und der zunehmenden Tätigkeit als Werbeagentur und Eigenverlag wurde der Hauptsitz im Handelsregister nach Saarbrücken verlegt.
Industrie- und Auftragsdruck
Durch den Standort in Mettlach entwickelte sich Klinke & Co. zum naheliegenden Druckpartner des dort ansässigen Unternehmens Villeroy & Boch. Gedruckt wurden unter anderem Werbebroschüren, Fliesenkataloge sowie Preislisten des Unternehmens.
Die Verbindung zur Märchenreihe
Klinke & Co. arbeitete eng mit Dr. Jakob Szliska zusammen. Während Szliska die Märchenhefte beim ALFO Kunstdruck-Verlag betreute, entstanden parallel weitere, in ihrer Gestaltung nahezu identische Heftreihen bei Klinke & Co. Hierzu gehören unter anderem die „Fabeln von La Fontaine“, die unter dem französischen Verlagsnamen Éditions Montclair erschienen, sowie erweiterte Märchensammelbände.
Hersteller von Sammelbildalben
In den 1950er Jahren entwickelte sich Klinke & Co. außerdem zu einem bedeutenden Hersteller hochwertiger Sammelbildalben, unter anderem für EDEKA und Erdal-Schuhcreme.

Aufbau der Märchenhefte
Die bislang untersuchten Nachkriegsausgaben weisen einen einheitlichen Aufbau auf.
Alle Hefte besitzen

  • einen braunen Schmuckumschlag,
  • ein Titelblatt,
  • den vollständigen Grimm-Text,
  • zahlreiche Farbabbildungen,
  • eine Schlussseite mit Reihenverzeichnis sowie
  • einen Druckvermerk.

Diese konsequent beibehaltene Gestaltung spricht dafür, dass die Märchenhefte als langfristig angelegte Verlagsreihe konzipiert wurden.
Vertrieb der Märchenhefte
Von besonderem Interesse sind die den Heften beigefügten Werbezettel. Sie belegen eindeutig eine Zusammenarbeit mit der Firma KISINA. Die Märchenhefte konnten über ein Gutscheinsystem als Prämien bezogen werden. Damit ist nachgewiesen, dass zumindest ein Teil der Auflage nicht ausschließlich über den Buchhandel vertrieben wurde.
Das Gutscheinsystem
Die Werbebeilage dokumentiert das Vertriebssystem der Firma Carl Reiners KG, einer chemisch-pharmazeutischen und kosmetischen Fabrik aus Lisdorf (Saarlouis).
Beworben wurden drei Produkte:

  • KISINA, ein Edelbohnerwachs für Fußböden,
  • REINOSAN, ein flüssiger Möbelbalsam sowie
  • WILACK, eine Schuhcreme.

Beim Kauf dieser Produkte erhielten die Kunden sogenannte KISINA-Gutscheine. Wurden ausreichend Gutscheine gesammelt und eingesandt, erhielten Kinder beziehungsweise Familien als Prämie ein Märchenheft beziehungsweise Märchenbuch portofrei zugesandt. Dieses Sammelsystem diente zugleich der langfristigen Kundenbindung, da Familien durch den regelmäßigen Kauf der Produkte die Märchenreihe vervollständigen konnten.
Die Saar-Verbindung
Die Werbebeilage liefert zugleich wichtige Hinweise auf die regionale Einbindung der Märchenheftreihe.
Die Carl Reiners KG hatte ihren Sitz in Lisdorf an der Saar. In den frühen 1950er Jahren war das Saarland wirtschaftlich eng mit Frankreich verbunden und vom übrigen Bundesgebiet getrennt. Vor diesem Hintergrund erscheint es historisch schlüssig, dass umfangreiche Druckaufträge an Unternehmen der Region vergeben wurden, darunter an den ALFO Kunstdruck-Verlag in Kaiserslautern sowie an Klinke & Co. in Mettlach.
Diese Verbindung erklärt zugleich, weshalb bislang keine verlässlichen Auflagenzahlen aus dem Buchhandel bekannt sind. Ein erheblicher Teil der Märchenhefte wurde offenbar als Industrieauftragsarbeit für die Gutscheinaktionen der Carl Reiners KG hergestellt.
Nutzung im Schulbereich
Zwei untersuchte Exemplare tragen den Stempel eines öffentlichen Schulamtes. Damit ist nachgewiesen, dass die Märchenhefte zumindest im schulischen Umfeld vorhanden waren. Ob die Reihe offiziell als Unterrichtslektüre zugelassen war oder überwiegend als Bestand von Klassen- beziehungsweise Schülerbüchereien diente, lässt sich bislang nicht belegen. Mehrere Indizien sprechen jedoch für eine pädagogische Nutzung. Hierzu zählen der pädagogische Hintergrund des Herausgebers Dr. Jakob Szliska,

  • die Entstehung der Reihe im Deutschen Schulverlag,
  • die sprachlich sorgfältige Bearbeitung der Grimm-Texte sowie

die Gestaltung der Hefte, die sich als Erst- oder Ergänzungslektüre eignet.

Bibliographischer Umfang der Märchenheftreihe
Der derzeitige Forschungsstand ermöglicht den Nachweis folgender Ausgaben der Märchenheftreihe:

  • 7 Berliner Erstausgaben (1942–1945)
  • 36 Hefte der Nachkriegsausgabe des ALFO Kunstdruck-VerlagsOb darüber hinaus weitere Auflagen, Nachdrucke oder Ergänzungen erschienen sind, konnte bislang nicht abschließend geklärt werden.
  • Mit den derzeit bekannten Ausgaben lässt sich die Entwicklung der Reihe jedoch bereits weitgehend nachvollziehen.

Hefte 13 - 24

Heft 13 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Heft 14 Tischen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

Heft 15 Daumesdick

Heft 16 Daumerlings Wanderschaft

Heft 17 Sneewittchen

Heft 18 Rumpelstilzchen

Heft 19 Der Arme und der Reiche

Heft 20 Der junge Riese

Heft 21 Der König vom goldenen Berg

Heft 22 Vom klugen Schneiderlein

Heft 23 Der Eisenofen

Heft 24 Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein

    Die beteiligten Illustratoren

    Max Teschemacher

    Das Leben von Max Teschemacher lässt sich anhand der heute bekannten Quellen ausschließlich über seine nachweisbare Tätigkeit als Grafiker, Maler und Buchillustrator zwischen etwa 1910 und den späten 1950er Jahren rekonstruieren. Bibliographische Nachweise und verlegerische Zuordnungen belegen, dass sich seine Hauptschaffensphase als freischaffender Grafiker in München befand. Seine frühen Aufträge erhielt er überwiegend von den bayerischen Verlagen Josef Kösel und Friedrich Pustet. Bereits in den 1920er Jahren war Teschemacher als Illustrator pädagogischer Werke etabliert. Seine Tätigkeit ist unter anderem durch das Schulsingbuch „Der Maibaum“ sowie durch Illustrationen für die Reihe „Münchner Jugendbücher“ nachgewiesen.
    Während des Zweiten Weltkriegs wurde er für staatliche Buchprojekte herangezogen. Seine bedeutendste historisch nachweisbare Arbeit war die Bebilderung der „Fibel für die deutsche Jugend“, deren Illustrationen heute unter anderem im Bestand der Staatlichen Museen zu Berlin sowie der Deutschen Digitalen Bibliothek nachgewiesen sind.
    Ab 1942 gestaltete Teschemacher die Märchenheftreihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“. Er entwarf das charakteristische Rahmendesign der Umschläge und illustrierte die ersten Hefte der Reihe.
    Auch nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Zusammenarbeit mit Dr. Jakob Szliska fort. Für den ALFO Kunstdruck-Verlag illustrierte Teschemacher neben der Märchenreihe unter anderem die Bände „Fabeln nach Äsop“, „Nordische Fabeln“ sowie die „Fabeln von La Fontaine“. Seine Illustrationen tragen regelmäßig die Signaturen „M. T.“ oder „M. Teschemacher“. Sein Zeichenstil verbindet romantische Landschaftsdarstellungen mit historisierender Architektur und einer ausgesprochen erzählerischen Figurenauffassung.

    Fritz Ludwig Schmidt

    Fritz Ludwig Schmidt (1922–2008) war ein deutscher Maler, Grafiker und Illustrator aus Saarbrücken. Nach einer Ausbildung zum Lithographen und einem Studium in Offenbach arbeitete er als Gebrauchsgrafiker, Buchillustrator und Briefmarkenent-werfer. Bekannt wurde er insbesondere durch Illustrationen für Märchenhefte, naturkundliche Bücher sowie zahlreiche Aquarelle und Zeichnungen mit Motiven aus dem Saarland. Für die Märchenheftreihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“ illustrierte er die Hefte 11 bis 16 sowie Heft 18 der Nachkriegsausgabe.

    Willy Mulot

    Willy Mulot, eigentlich Willibald Mulot (*1889 in Wiesbaden; †1982 in Wiesbaden), war deutscher Maler, Grafiker, Zeichner und Illustrator. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei Eugen Dücker. Neben seiner Landschafts-malerei illustrierte er Bücher und Kalender. Für den ALFO Kunstdruck-Verlag schuf er Illustrationen zur Märchenheftreihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“. Auf dem Titelblatt von Heft 24 „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“ erscheint sein Name in der Schreibweise „Willi Mulot“, während die Illustrationen selbst mit „Willy Mulot“ signiert sind. Dadurch lässt sich die Zuordnung zu Willibald („Willy“) Mulot mit hoher Wahrscheinlichkeit bestätigen.

    Lothar Högel

    Lothar Högel († 1978) wurde später vor allem als heraldischer Wappenmaler des Berliner Vereins HEROLD und der Deutschen Wappenrolle (DWR) bekannt. Bereits in der Nachkriegszeit war er als Illustrator tätig und schuf die Illustrationen der Märchenhefte 25 bis 30 der Reihe „Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm“. Die Zuordnung dieser Hefte konnte anhand der Bildsignatur „L. Högel“ eindeutig nachgewiesen werden.
    Seine Arbeiten innerhalb der Märchenheftreihe dokumentieren eine frühe Schaffensphase, noch bevor er sich auf die Heraldik spezialisierte.

    Unbekannter Illustrator

    Die Illustrationen von Heft 32 „Der Riese und der Schneider“ tragen ein bislang nicht eindeutig identifiziertes Monogramm. Nach derzeitigem Forschungsstand lässt sich die Signatur als „B. Gey“ beziehungsweise in ähnlicher Form lesen. Eine eindeutige Identifizierung des Illustrators steht derzeit noch aus.

    Die an der Herstellung beteiligten Druckereien
    Die Herstellung der Märchenheftreihe erfolgte sowohl während der Berliner Erstausgabe als auch in der Nachkriegs-zeit durch verschiedene spezialisierte Druckereien. Die bislang ausgewerteten Originalhefte ermöglichen eine eindeu-tige Zuordnung mehrerer Betriebe, die zu den leistungsfähigsten Druckereien ihrer Zeit gehörten.

    Förster & Borries, Zwickau (Sachsen)
    Förster & Borries war eine 1881 gegründete sächsische Großdruckerei und photochemigraphische Kunstanstalt. Das Unternehmen gehörte zu den bedeutenden Druckbetrieben seiner Zeit. Der Betrieb war insbesondere für hochwertigen Mehrfarbendruck, anspruchsvolle Bildreproduktionen und Lithografien bekannt. Zahlreiche Kunst- und Kinderbuch-verlage ließen ihre Druckerzeugnisse dort herstellen. Darüber hinaus entstanden bei Förster & Borries auch amtliche Druckwerke, darunter das Zwickauer Adressbuch. Das Unternehmen überstand den Zweiten Weltkrieg, wurde später in der DDR verstaatlicht und nach der deutschen Wiedervereinigung an die Gründerfamilie zurückübertragen.

    Gebrüder Stiepel KG, Reichenberg (Sudetenland)

    Die Gebrüder Stiepel KG gehörte zu den größten und modernsten Druck- und Verlagshäusern Österreich-Ungarns beziehungsweise später der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Der Unternehmenssitz befand sich in Reichenberg (heute Liberec). Gegründet wurde das Unternehmen von Heinrich T. Stiepel. Die Druckerei produzierte Massenmedien und war Herausgeber der auflagenstarken „Reichenberger Zeitung“. Zum Unternehmen gehörten außerdem eine Großbuchbinderei, eine Steindruckerei sowie eine Buntpapierfabrik. Unter der Leitung der Familie Stiepel galt der Betrieb technologisch als eines der führenden Unternehmen seiner Branche. Während der deutschen Besetzung des Sudetenlandes wurde das Unternehmen weitergeführt. Nach Kriegsende wurde der Betrieb im Jahr 1945 vollständig enteignet.

    Heliochroma, Rumburg (Sudetenland)
    Heliochroma war ein hochspezialisiertes grafisches Institut mit Sitz in Rumburg (heute Rumburk, Tschechien) an der sächsisch-böhmischen Grenze. Bereits der Firmenname verweist auf den Schwerpunkt des Unternehmens. Heliochro-ma war auf Lichtdruck (Phototypie) sowie frühen Farblichtdruck spezialisiert. Das Unternehmen war überregional bekannt für die Herstellung hochwertiger Ansichtskarten, Chromolithographien, Kunstdrucke, Plakate und farbiger Broschüren. Aufgrund seiner Lage an der Grenze arbeitete Heliochroma sowohl für den böhmisch-österreichischen als auch für den deutschen Markt, insbesondere für Auftraggeber aus Sachsen und Berlin.

    Ernst Steiniger Druck- und Verlagsanstalt, Berlin SW 68
    Die Ernst Steiniger Druck- und Verlagsanstalt war ein klassischer Berliner Druckereibetrieb im historischen Zeitungsviertel des Postbezirks Berlin SW 68. In historischen Quellen wird der Firmenname überwiegend als Ernst Steiniger geschrieben. Das Unternehmen war als Werkstatt- und Auftragsdruckerei für zahlreiche Verlage tätig. In den 1930er und 1940er Jahren entstanden dort Bücher, Unterhaltungshefte, Kriminalromane sowie kaufmännische Werbedrucke. Durch den Standort im Berliner Zeitungsviertel befand sich die Druckerei im Zentrum des deutschen Druck- und Verlagswesens. Dieses Gebiet wurde während des Zweiten Weltkriegs durch Luftangriffe weitgehend zerstört.

    Oscar Brandstetter, Leipzig

    Oscar Brandstetter gehörte zu den bedeutendsten graphischen Großbetrieben der Buchstadt Leipzig. Das Unternehmen wurde 1862 gegründet und beschäftigte vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als 1.000 Mitarbeiter. Brandstetter war international vor allem für den Musikalien- und Notendruck bekannt. Darüber hinaus verfügte das Unternehmen über große Abteilungen für Buchdruck, Offsetdruck und Tiefdruck und produzierte unter anderem Lexika, Atlanten sowie hochwertig illustrierte Bücher. Das Hauptgebäude im Leipziger Graphischen Viertel wurde bei den Luftangriffen des Jahres 1943 schwer beschädigt. Dennoch konnte die Produktion bis zum Kriegsende unter schwierigen Bedingungen dezentral fortgesetzt werden.

    Klinke & Co., Mettlach / Saarbrücken
    Klinke & Co. war eine Offsetdruckerei und ein Verlag mit Produktionsstätte in Mettlach und späterem Hauptsitz in Saarbrücken. Das Unternehmen entwickelte sich in den späten 1940er und 1950er Jahren zu einem der bedeutenden Druckdienstleister des Saarlandes. Klinke & Co. verfügte über moderne Fotolithografie- und Offsetdruckverfahren und produzierte neben Büchern auch Werbedrucke, Sammelbildalben und hochwertige Industrieaufträge. Neben der Herstellung der Märchenhefte arbeitete Klinke & Co. unter anderem für Villeroy & Boch, EDEKA sowie Erdal. Darüber hinaus entstanden dort weitere von Dr. Jakob Szliska herausgegebene Publikationen, darunter die „Fabeln von La Fontaine“ und verschiedene Märchensammelbände.

    Hefte 25 - 36

    Heft 25 Die weiße und die schwarze Braut

    Heft 26 Das Eselein

    Heft 27 Schneeweißchen und Rosenrot

    Heft 28 Der gläserne Sarg

    Heft 29 Das Waldhaus

    Heft 30 Die Gänsehirtin am Brunnen

    Heft 31 Die Nixe im Teich

    Heft 32 Der Riese und der Schneider/Sterntaler

    Heft 33 Die wahre Braut

    Heft 34 Der Hase und der Igel

    Heft 35 Der Trommler

    Heft 36 Jungfrau Maleen

    Auflagen

    Exakte Auflagenzahlen der Märchenheftreihe lassen sich heute nicht mehr wissenschaftlich nachweisen. Ursächlich hierfür sind der Verlust der Verlagsarchive sowie die kriegs- und nachkriegsbedingten Produktionsumstände.
    Aus diesem Grund können derzeit keine gesicherten Aussagen über die Höhe der einzelnen Auflagen gemacht werden.


    Quellen- und Literaturverzeichnis
    Die vorliegende Untersuchung stützt sich auf historische Originalausgaben, bibliographische Nachweise, amtliche Register sowie wissenschaftliche Fachliteratur. Ergänzend wurden zeitgenössische Werbematerialien und Verlagsunterlagen ausgewertet.
    Primärquellen

    Historische Originalausgaben
    Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (Hrsg.) (1943)
    Deutsches Lesebuch für Volksschulen. Viertes Schuljahr.
    Deutscher Schulverlag.
    Staatsbibliothek zu Berlin (o. D.)
    Katalogeintrag: Kinder- und Hausmärchen. Berlin: Deutscher Schulverlag, 1942.
    Kinder- und Jugendbuchabteilung, Signatur: 19 ZZ 1955-1.
    Szliska, Jakob (Hrsg.) (1942)
    Dornröschen. Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Heft 1.
    Illustrationen: Max Teschemacher. Deutscher Schulverlag.

    Amtliche Register und Verlagsnachweise
    Deutscher Schulverlag Berlin

    Historische Eintragungen im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, insbesondere die Notausgaben des Jahres 1945.
    ALFO Kunstdruck-Verlag GmbH
    Amtsgericht Kaiserslautern: Historische Eintragung der ALFO Kunstdruck-Verlag G. m. b. H. im Handelsregister B.
    Deutsche Nationalbibliothek (Hrsg.) (1953)
    Deutsche Nationalbibliografie. Reihe A: Neuerscheinungen des Buchhandels.
    Nachweis des ALFO Kunstdruck-Verlags, Kaiserslautern, Marktstraße 39.
    ALFO Kunstdruck-Verlag (Hrsg.) (ca. 1950)
    Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm.
    Nachkriegsausgabe der Hefte 1 bis 36.
    Klinke & Co.
    Amtsgericht Saarbrücken
    Historische Eintragung der Klinke & Co. GmbH im Handelsregister B (HRB 4504).
    Industrie- und Handelskammer des Saarlandes (Hrsg.) (1956)
    Branchen-Adressbuch des Saarlandes.
    Eintrag: Klinke & Co. GmbH, Offsetdruckerei und Verlag.
    Sekundärliteratur
    Barbian, Jan-Pieter (2015)
    Die Literaturpolitik des „Dritten Reiches“. Institutionen, Kompetenzen, Zensur.
    2. Auflage. dtv.
    Sarkowski, Heinz / Saur, Klaus G. (Hrsg.) (2001)
    Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 4: Das Dritte Reich.
    K. G. Saur.

    Werbebeilage „KISINA“

    Die in mehreren Nachkriegsausgaben enthaltene Werbebeilage stellt eine wichtige Quelle zur Vertriebs- und Vermarktungsgeschichte der Märchenheftreihe dar.
    Das Unternehmen
    Hinter den beworbenen Produkten stand die Carl Reiners KG, eine chemisch-pharmazeutische und kosmetische Fabrik mit Sitz in Lisdorf (Saarlouis). Beworben wurden die drei Hauptprodukte

    • KISINA – Edelbohnerwachs für Fußböden,
    • REINOSAN – flüssiger Möbelbalsam,
    • WILACK – hochwertige Schuhcreme.

    Das Gutscheinsystem

    Die Werbebeilage dokumentiert ein Prämiensystem, bei dem Käufer der Reiners-Produkte sogenannte KISINA-Gutscheine erhielten. Nach dem Einsenden einer ausreichenden Anzahl von Gutscheinen konnten Kinder beziehungs-weise Familien als Prämie ein reich illustriertes Märchenheft portofrei beziehen. Das Sammelsystem diente zugleich der langfristigen Kundenbindung und ermöglichte den vollständigen Bezug der Märchenreihe.
    Regionale Einordnung
    Die Werbebeilage ergänzt die bisherigen Erkenntnisse zur Zusammenarbeit zwischen dem ALFO Kunstdruck-Verlag, Klinke & Co. und der Carl Reiners KG. Da sich alle beteiligten Unternehmen im Saarland beziehungsweise in dessen unmittelbarer Nachbarschaft befanden, erscheint die Vergabe umfangreicher Druckaufträge an regionale Betriebe historisch schlüssig. Zugleich liefert dieses Vertriebssystem eine plausible Erklärung dafür, weshalb heute keine gesicherten Auflagenzahlen aus dem Buchhandel bekannt sind. Ein erheblicher Teil der Märchenhefte wurde offenbar als Industrieauftragsarbeit für die Gutscheinaktionen der Carl Reiners KG hergestellt.





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